DIE SUCHE – CZ – 1993

Erinnerung – Klassenfahrt nach Moldava 1993

Im November 1993 führte unsere fünftägige Klassenfahrt nach Moldava in Tschechien. Von Montag bis Freitag verbrachten wir gemeinsam mit unserer Berliner Schulklasse unvergessliche Tage in der Chata Moldava, einem kleinen Ort mit etwa dreißig Einwohnern im Erzgebirge. Für mich war diese Reise weit mehr als nur eine Klassenfahrt. Sie wurde zu einem Wendepunkt, dessen Bedeutung ich allerdings erst viele Jahre später wirklich verstand. Schon bei der Ankunft fiel mir die herzliche Atmosphäre der Chata auf. Direkt hinter dem Eingang befand sich der kleine Empfangsbereich mit den Zimmerschlüsseln. Dahinter öffnete sich ein großer Speisesaal, der das Herzstück des Hauses bildete. Die Küche lag etwas verborgen hinter einer meist geöffneten Tür. Von dort strömten den ganzen Tag die Düfte von frisch gekochtem Essen, Tee oder Kaffee in den Raum und sorgten für eine warme, gemütliche Stimmung. Die Menschen in Moldava begegneten uns offen und freundlich. Für mich fühlte sich das kleine Dorf mit seinen Bewohnern wie eine große Familie an.

Besonders beeindruckte mich die wunderschöne Natur. Als Berliner Stadtkind hatte ich bis dahin kaum Berührungspunkte mit einer solchen Landschaft. Die Berge, die Wälder und die weiten Ausblicke faszinierten mich. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir die Fensterbank im Zimmer von Sonja und Nicole. Dort setzte ich mich oft hin und blickte lange in die Ferne. In diesen stillen Momenten stellte ich mir viele Fragen über das Leben und nahm Eindrücke wahr, die ich damals noch überhaupt nicht einordnen konnte. Erst Jahrzehnte später erkannte ich für mich, welche persönliche Bedeutung diese Erinnerungen bekommen sollten. Unsere Klasse war während der gesamten Reise eine echte Gemeinschaft. Auch unsere beiden Lehrerinnen begleiteten uns mit viel Vertrauen und Herz. Obwohl wir fast sechzehn Jahre alt waren und bereits viele Freiheiten genießen durften, herrschte ein respektvoller Umgang miteinander. Besonders das gemeinsame Frühstück blieb mir in Erinnerung. Das Buffet war für uns Berliner Schülerinnen und Schüler etwas Außergewöhnliches. Die große Auswahl zeigte uns die Gastfreundschaft unserer tschechischen Gastgeber.

Während der Klassenfahrt lernte ich Pavel kennen, der als Koch in der Chata arbeitete, sowie seinen besten Freund Milos. Sonja verliebte sich in Milos, ich in Pavel. Für mein jugendliches Herz waren diese Begegnungen etwas ganz Besonderes. Immer wenn Pavel aus der Küche kam, blieb mein Blick an ihm hängen. Der Höhepunkt dieser Gefühle war unser gemeinsamer Tanz zu „Wind of Change“ von den Scorpions. Nach diesem Tanz hätte ich am liebsten einfach in Moldava bleiben wollen. Natürlich wusste ich, dass dies nur ein Wunsch bleiben würde. Die letzten beiden Tage standen für mich ganz im Zeichen dieses Liedes. Jeder gemeinsame Moment bekam plötzlich eine besondere Bedeutung, weil ich wusste, dass der Abschied näher rückte. Nach unserer Rückkehr versuchte ich den Kontakt zu Pavel aufrechtzuerhalten. Ich telefonierte einmal zu seinem Geburtstag mit ihm und schrieb ihm einen Brief, auf den ich jedoch nie eine Antwort erhielt. Seitdem habe ich seine Stimme nie wieder gehört. Dennoch blieb die Erinnerung an diese Begegnung über die Jahrzehnte lebendig.

Rückblickend verbinde ich diese Klassenfahrt auch mit mehreren inneren Eindrücken, die ich damals als persönliche Bestätigungen empfand. Ich konnte sie zunächst nicht verstehen. Erst viele Jahre später erkannte ich für mich Zusammenhänge zu meinem eigenen Lebensweg – unter anderem zum Abschied von meinem Onkel, zum späteren Verlassen Berlins und zu weiteren Stationen meines Lebens. Als ich am ersten Dezemberwochenende meinem schwer kranken Onkel von der Klassenfahrt erzählen wollte, konnte er meine Erlebnisse kaum noch aufnehmen. Etwa sechs Wochen später starb er. Dadurch bekam diese wunderschöne Woche einen stillen und traurigen Nachklang. Auch die Hündin DINA ist eine Woche später leider verstorben. Heute, mehr als dreißig Jahre später, gehört Moldava für mich zu den wichtigsten Erinnerungsorten meines Lebens. Die Reise war nicht nur eine Klassenfahrt, sondern der Beginn eines neuen Lebenskapitels. Sie verband Natur, Freundschaft, erste Liebe, Gemeinschaft und Abschied auf eine Weise, die mich bis heute begleitet.

Es wäre schön, wenn sich Pavel irgendwie nochmal melden würde … DIE SUCHE 1993/2023 – 2026

Vielleicht war es für ihn eine genauso beeindruckende Zeit wie für mich und die Anderen …

    Eve

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