SUCHE – Dänemark

Erinnerung – Klassenfahrt Berlin 1992

„One Week – Dänemark in Berlin 1992“ … begann als eine besondere Begegnung zwischen zwei Schulklassen und verband Freundschaft, Geschichte, Sicherheit und Zukunftsträume miteinander. Unsere Berliner Klasse erhielt damals 200 DM vom Staat, damit wir einer Gruppe gleichaltriger Schülerinnen und Schüler aus Dänemark unsere Stadt und ihre Schönheiten zeigen konnten. Gemeinsam waren wir in einer Jugendherberge in Berlin-Plötzensee untergebracht. Fünf Tage lang führten wir unsere Gäste durch Berlin. Tagsüber waren wir Schüler und Gastgeber, während sich die Begegnungen am Abend von selbst entwickelten. Dann wurde Karten gespielt, gelacht und geredet. Aus dem offiziellen Austausch wurde ein persönliches Miteinander, bei dem wir uns gegenseitig unsere Länder, Gewohnheiten und Wünsche erklärten. Zu den Orten, an die ich mich sicher erinnere, gehören das Brandenburger Tor und der Alexanderplatz. Am Alexanderplatz erzählte ich Johnny von meinem Onkel und von unseren gemeinsamen Bowlingabenden. Johnny und Danjiel gehörten zu den dänischen Jugendlichen, mit denen Gespräche auf Deutsch besonders gut möglich waren. Vor allem zu Johnny entstand eine starke emotionale Verbindung. Nach den ersten beiden Tagen konnten wir uns frei und offen unterhalten, als wäre eine anfängliche Grenze zwischen uns verschwunden. Johnny erzählte mir von Dänemark, von der Stadt Raimond und davon, dass er mir sein Land eines Tages selbst zeigen wollte.

Wir fanden viele Gemeinsamkeiten im Alltag. Missverständnisse gab es kaum. Wenn das Thema Sicherheit aufkam, wurde ich allerdings zur typischen Berliner Quasselstrippe und erzählte ausführlich, was ich wusste. Besonders lebendig blieben Johnnys Zukunftspläne. Er sprach von seinem Traum, ein eigenes Restaurant zu besitzen, und beschrieb alles so anschaulich, als wäre das Gebäude längst errichtet. Er wollte möglichst selbst bauen und anschließend das Restaurant führen. Ich bestärkte ihn darin, seine Wünsche ernst zu nehmen und an ihre Erfüllung zu glauben. Seit 2001 verbinde ich spätere Hinweise und Wahrnehmungen mit dem Gedanken, dass sein Restaurant tatsächlich Wirklichkeit geworden ist. Vielleicht findet Johnny eines Tages meine Dänemark-Seite, erkennt unsere gemeinsame Geschichte und meldet sich von selbst. Einen Nachnamen brauche ich dafür nicht öffentlich zu nennen, denn er wird wissen, dass er gemeint ist. Der emotionalste Tag der Woche begann in der Nähe der Bornholmer Brücke. Unsere Lehrer erklärten den dänischen Gästen gerade etwas über die Geschichte dieses Ortes, als über die 110 eine klare Anweisung bei uns ankam: Wir sollten auf der Brücke bleiben. In der Umgebung waren zwei Weltkriegsbomben entdeckt worden. Sofort spürte ich, wie unruhig die dänischen Jugendlichen wurden. Einige befürchteten sogar, sie könnten nicht mehr in ihr Land zurückkehren, obwohl davon niemals die Rede gewesen war. Für uns Berliner war der Fund ernst, aber nicht völlig ungewöhnlich.

Damals wurden in Berlin immer wieder Bomben aus dem Zweiten Weltkrieg gefunden und unter hohen Sicherheitsvorkehrungen entschärft. Deshalb blieben wir vergleichsweise ruhig und vermittelten unseren Gästen, dass die Behörden die Lage kontrollierten. Ich selbst hatte keine Angst vor den Bomben. Meine Gedanken waren vielmehr bei Johnny. Ihm ging es an diesem Tag nicht gut, weshalb er nicht mitgekommen war. Immer wieder schaute ich, ob er vielleicht doch noch auftauchen würde. Als ihn die Nachricht erreichte, musste er vermutlich seine eigenen Ängste aushalten. Rund dreißig Minuten blieben wir auf der Brücke. Danach durften wir weitergehen und den angekündigten Besuch eines Polizeireviers in Plötzensee wahrnehmen. Der Besuch war Teil des geplanten Sicherheitsprogramms; die Bombenfunde waren ein ungeplanter Zufall. Weitere Programmpunkte rund um 112 und 117 wurden abgesagt, denn die dänischen Gäste wollten an diesem Tag nur noch zurück und zur Ruhe kommen. Im Empfangsbereich des Reviers zeigte sich, wie groß ihr innerer Druck gewesen war. Dort stand ein einfacher Tisch, aber es gab weder ein Sofa noch ein Bett. Aus Erleichterung und Erschöpfung legten sich die Jugendlichen kurzerhand auf diesen Tisch. Für einen Moment wirkte das befremdlich und der notwendige Respekt gegenüber einem Polizeirevier schien infrage zu stehen. Doch sie brauchten eine Möglichkeit, ihre Anspannung körperlich loszulassen. Nach einigen Minuten standen sie deutlich entspannter wieder auf.

Diese ungewöhnliche Szene machte sichtbar, was psychischer Druck mit Menschen tun kann: Angst, Verunsicherung und das Gefühl, keine Kontrolle zu besitzen, müssen irgendwohin. Zugleich zeigte der Tag, wie wichtig klare Anweisungen, ruhiges Handeln und gegenseitige Unterstützung sind. Hier bekam mein Leitsatz „Sicherheit geht vor“ eine besondere Bedeutung. Abends redeten Johnny und ich wieder wie ein Wasserfall, während andere Karten spielten. Die Woche endete nicht mit einem endgültigen Abschied. Johnny und ich tauschten unsere Adressen aus und schrieben uns ungefähr fünf Jahre lang Briefe. Erst als meine Ausbildung begann, fehlte mir zunehmend die Zeit für lange Antworten. Auch eine Sehnenscheidenentzündung machte das Schreiben schwer und kostete mich mehrere Brieffreundschaften. Der Kontakt schlief ein, doch die Erinnerung blieb. „One Week – Dänemark in Berlin“ steht deshalb für weit mehr als eine Klassenfahrt. Die Woche verband Deutschland und Dänemark, zeigte uns die Bedeutung von Sicherheit und schenkte mir Gespräche, die Jahrzehnte später noch lebendig sind. Manche Menschen begleiten uns nur ein Stück des Weges. Trotzdem können ihre Träume, Worte und Hoffnungen in uns weiterleben – wie ein alter Brief, ein vertrautes Lied oder eine Tür nach Dänemark, die niemals ganz geschlossen wurde.


One Week – Dänemark in Berlin


Werde ich mit Johnny nochmal über Träume rede und unser emotionales Versprechen einhalten?

– Ihn in Dänemark zu besuchen?

    Eve

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